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Synagoge - Heimatverein Raesfeld

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Heimatverein Raesfeld e. V.
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Die Synagoge von der Borkener Straße aus gesehen, eine Federzeichnung von Adalbert Friedrich.
Die Synagoge zu Raesfeld
Die Bemühungen der jüdischen Familienväter um einen Betraum führten 1812 zum Erfolg. Im Dorf bot ihnen der Küster und Schulmeister Johann Theodor Spangemacher eine Kammer in seiner Scheune an, die früher einmal der Schulraum war. Sie diente der jüdischen Gemeinde 50 Jahre als Betraum.

Durch das Anwachsen der jüdischen Familien wurde die Lehr- und Betstube im Laufe der Zeit zu klein. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Handelsmann Levi Rosenheim, drängte zum Bau einer „richtigen“ Synagoge, zu einem festen Haus aus Stein.

Der Fassbinder Gybkes hatte an der Borkener Straße einen knapp 500 qm großen Garten, gegenüber der damals neu erbauten Pfarrkirche St. Martin. Heute steht an dieser Stelle das Ärztehaus. Man wurde handelseinig, und Gybkes verkaufte seinen Garten mit notariellem Vertrag vom 15.12.1860 für 105 Taler als Baugrundstück an die jüdische Gemeinde. Als Zeugen erschienen vor Notar Anton Nacke für Fassbinder Gybkes Heinrich Schmitz und Heinrich Spangemache, für die jüdische Gemeinde unterzeichneten Levi Rosenheim, Abraham Schwarz und Isaac Rosenbaum.

1861 begannen die Bauarbeiten. Eine Bauzeichnung ist auf den Bauämtern in Münster, Recklinghausen und Borken nicht mehr zu finden. Der Name des Architekten oder Baumeisters ist unbekannt. Eine Rekonstruktionszeichnung erstellte Architekt Peter Friedrich.
Grundriss der Synagoge Raesfeld, rekonstruiert von Architekt Peter Friedrich.
Nach jüdischem Brauch sollte die Synagoge nicht nur als Bethaus dienen, sondern auch ein Lehr- und Versammlungshaus für die jüdische Gemeinde sein. Die Architektur mit ihren Backsteinen entsprach dem Stil der benachbarten Gebäude.

Vor dem Bethaus stand ein zweigeschossiger Querbau, der durch ein leicht angedeutetes giebelverziertes Mittelstück den Eingang betonte. In hebräischer Schrift stand auf einer Tafel über der Eingangstür:
„Höre Israel, König der Welt ist Gott
mein Herr, mein einziger Gott“

Der Flur im Querbau trennte diesen in zwei Räume gleicher Größe, die Lehrstube und den rituellen Baderaum mit der Mikwe. Über eine Treppe kam man auf die Empore, die auch als „Frauenbalkon“ bezeichnet wurde. Damit wurde die traditionelle Trennung von Männern und Frauen praktiziert.

Das Bethaus, das einige Stufen tiefer lag, hatte einen fast quadratischen Grundriss. Zwei Säulenreihen unterteilten das Bethaus in zwei Seitenflächen und eine größere Mittelfläche. In den Seitenflächen standen Gebetspulte, an denen je zwei Männer Platz fanden. Seine Ostseite wurde durch eine Apsis und zwei anliegende Baustreben durchbrochen.

Unter dem bunten Rundfenster in der Apsis stand auf einem Podest der verdeckte heilige Schrein mit den Thora-Rollen, das Heiligtum des Bethauses. Fast in der Mitte stand vor dem Thora-Schrein ein Podest, um zwei Stufen erhöht und von einer achteckigen Brüstung eingefasst. Es war der Tisch, von dem beim Sabbat- und Festtagsgottesdienst aus den Thora-Rollen vorgelesen wurde.

Wie es alter jüdischer Tradition entsprach, wandten sich auch hier die Beter dem Osten zu, nach Jerusalem.
Die Synagoge am rechten Bildrand
Am 26. Juni 1863 wurde die Synagoge feierlich eingeweiht.
Das Festprogramm zur Einweihung der Synagoge 1863.
Am 6. Juli 1913 feierte die jüdische Gemeinde Raesfeld das 50-jährige Bestehen ihrer Synagoge.

Die Borkener Zeitung berichtete:

Raesfeld, 6. Juli. Heute beging in besonders feierlicher Weise die jüdische Gemeinde Raesfeld das 50-jährige Bestehen ihrer Synagoge. Schon um 4 Uhr waren die Straßen und der Platz um die Synagoge von Einheimischen und Fremden belagert. Um ½ 5 Uhr nahm die Feier durch einen Festgottesdienst ihren Anfang. Das Gotteshaus hatte reichen Schmuck angelegt und war festlich erleuchtet. Herr Lehrer Bär – Gemen hielt den Gottesdienst ab, dem Herr Amtmann Rutenfranz – Borken und Vorsteher Küpers beiwohnten. Herr Rabbiner Michalsky – Recklinghausen hielt die Festpredigt und sprach zum Schluss vor geöffneter Bundeslade das Kaisergebet.

Die kirchliche Feier war hiermit beendet, und der schön dekorierte Saal des Hotels Tiegler harrte schon seiner Gäste, die nach Hunderten zählten. Hier hatte sich auch der Pfarrer der kath. Kirchengemeinde Raesfeld, Herr Fiehe, eingefunden. Den Reigen der Darbietungen eröffnete ein von einer Dame gut gesprochener Prolog. Dann begrüßte der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Raesfeld, Herr Schwarz, die erschienenen Gäste und Ehrengäste, worunter sich auch der Lehrer a. D. Cohen befand, der die Jubelsynagoge vor 50 Jahren einweihte.

Herr Amtmann Rutenfranz brachte die Glückwünsche der politischen Gemeinde dar und verlas am Schlusse seiner Rede das in seinen Akten aufbewahrte Festprogramm der Einweihung aus dem Jahre 1863. Herr Lehrer Cohen ergriff sodann das Wort und sprach über die Entwicklung der Gemeinde Raesfeld in den vergangenen 50 Jahren. Sodann gedachte er der Vorzüge und Friedensliebe unseres erhabenen Landesfürsten, der seine Hand schützend über den verschiedenen Religionsgemeinschaften halte, und unter dessen friedlicher Regierung das deutsche Reich blühe und gedeihe. Ein kräftig aufgenommenes Kaiserhoch bildete den Schluss der klassischen Rede.

Unter den Klängen der Marler Kapelle, vom Kapellmeister Beckmann dirigiert, wurde stehend die Nationalhymne gesungen. Herr Rabbiner Michalsky sprach über das gute Verhältnis der Konfessionen in Raesfeld untereinander und brachte ein Hoch auf den anwesenden Herrn Pfarrer Fiehe aus. Herr Bär toastete auf Herrn Rabbiner Michalsky, worauf Herr Pfarrer Fiehe das schon hervorgehobene gute Verhältnis zwischen den Konfessionen bestätigte und ein hoch auf die jüdische Gemeinde ausbrachte. Sodann ergriff Herr Cohen nochmals das Wort, um Herrn Bär zu feiern. Redner wies auf die Verdienste dieses Herrn um die Jugend der jüdischen Gemeinde hin. Die Rede war gespickt mit witzigem Humor, und in das Hoch auf den gedachten Herrn stimmte alles begeistert ein.

Das nächste Hoch galt dem Vorsitzenden des Vereins zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen, Herrn Dr. Rubens – Gelsenkirchen. Wer wollte die Toaste alle zählen, die von jetzt an, abwechselnd mit den musikalischen Konzertvorträgen, auf die Damen, einzelnen Gäste etc. gehalten wurden, bis der Bühnenvorhang sich hob und zwei recht hübsche theatralische Darbietungen folgten, die den Darstellern reichen Beifall eintrugen. Ein von Hunderten besuchter animierter Ball bildete des Festes Schluss, den jedoch der Berichterstatter nicht abwarten wollte, da er sich in Morpheus Arme begab und von einem in allen Einzelheiten schön verlaufenen Feste träumte.
Borkener Zeitung vom 06.07.1913
In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 verschafften sich Männer des Weseler SS-Sturms mit einigen fanatischen Raesfelder Nationalsozialisten gewaltsam Zugang zur Synagoge und setzten sie mit Benzin in Brand.
Die ausgebrannte Ruine der Synagoge, Blick vom Kirchturm. Foto Ignaz Böckenhoff
Die ausgebrannte Ruine der Synagoge
2004 fand man bei Baggerarbeiten zur Errichtung des Ärztehauses einen Teil der Grundmauer mit der Mikwe, die von der Baufirma Josef Geldermann, Raesfeld, in einem Stück geborgen werden konnte. Die Eigentümergemeinschaft gestattete dem Heimatverein, diesen Fund hinter dem Gebäude aufzustellen, um die Erinnerung an die Synagoge wachzuhalten.
Mikwe, hebräisch Mikwah – rituelles Tauchbad
Ein Becken mit einer Mindestfüllung von ca. 500 l Wasser, damit ein erwachsener Mensch darin untertauchen kann. Als Füllwasser wird „lebendiges Wasser“ benötigt, das nicht von Menschenhand geschöpft oder gepumpt worden ist: Grund- oder Quellwasser, anfallendes Wasser durch Regen oder Schnee, fließendes Wasser aus Bach oder Fluss.
Das Becken muss in Feld oder Erde angelegt sein, es muss vollkommen abgedichtet sein und darf keinen Abfluss haben.

Nutzung: Untertauchen zur Aufhebung der rituellen Unreinheit. Die Mikwe dient der geistigen Reinigung und ist kein Instrument der Hygiene. Eine vorherige physische Reinigung ist vorgeschrieben. Auch neue oder von Nichtjuden gebrauchtes Geschirr, Gläser oder Besteck werden in die Mikwe getaucht.
Die Mikwe
Gefunden wurde die rechte vordere Grundmauerecke der Synagoge aus Backstein mit der Mikwe. Das Becken misst 1,08 m x 1,09 m und hat eine Tiefe von 1,30 m.

Die Beckenwandung ist mit einem glatten, wasserdichten Zementputz versehen, der auch den abflusslosen Boden bedeckt. Es wurde wahrscheinlich mit Regenwasser gefüllt. Der Zugang führte über eine hölzerne Leiter mit ebenen Trittstufen. In der geborgenen Mikwe fand man Überreste des Bauwerks wie Formsteine mit Abfasung, Fenstergewände aus brandgerötetem Sandstein mit Scharnierung, Backsteinfragmente, Wandputzfragmente mit mehreren Farbschichten, Dachziegel, Nägel und Eisenfragmente, Fensterglas krakeliert, durch Hitze verbogen und verschmolzen, Reste der Einstiegsleiter und verkohlte Holzstücke.
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